Zufälliges DISARSTAR.

Aufgefallen ist er mir tatsächlich durch ein 10-sekündiges, gesponsertes Instagram Video und ich finde das muss man erstmal schaffen … einen so bleibenden und beeindruckenden Eindruck zu hinterlassen, in so kurzer Zeit. (Und Nein! Ich kannte Ihn echt noch nicht). Klar spielt die Optik in Sek 1-3 immer eine Rolle, doch was mich wirklich von den Socken gehauen hat und DISARSTAR zum nächsten Star meiner Reihe Soundstories gemacht hat, waren seine … LYRICS! BOA, also … Irgendwie anders als andere Rapper dieser Zeit. Starke Stimme, satter Klang, krasse Lines: sind da. Und sein mächtiger Rap löst in mir trotz allem so etwas wie Ruhe aus. Ruhe im Sturm.

Instagram @disarstarhh

Seit dem höre ich ihm sehr gerne zu.

…und dann is da der Fakt, dass er aus Hamburg, meiner alten Wahlheimat kommt, die ich immer noch sehr sehr Liebe! Doppelt gut!

Also jetzt mal zur Sache. Der Name des Songs der mich gecatcht hatte, war mir tatsächlich entfallen, aber es muss DYSTOPIA gewesen sein, weil der eben gerade auf Insta gesponsert wird. Es waren schließlich nur 10 Sekunden, aber BAM! Er hatte mich! Mich und meine vollste Aufmerksamkeit. Ich dachte nur „ich muss wissen wer dieser Star ist!“

„Lethargie. ich durchsuche die Ruinen. nach reinem Antrieb und Benzin. …“

„Ich fahr auf menschenleeren Straßen mit meinem Panzer durch die Stadt. Als wär die ganze Welt am schlafen, als hätt’s kein anderer geschafft…“

DISARSTAR – Dystopia (2020)

Dystopia ist zwar sehr melodisch und hat, finde ich, mehr Pop-Elemente drin, im Gegensatz zu früheren Tracks, aber die satte Stimme und die Poesie sind nicht ein Deut weniger einehmend. Der Stil erinnert ein wenig an Materia. Als ich dann einmal querbeet auf Spotify reinhörte merkte ich schnell, er ist ein Rapper mit Extraklasse.

Zufällig:

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Ich fing an mit „Wach“ (2019) – zusammen mit nem weiteren leuchtenden Nordlicht – Lina Maly. Die beiden kommen auch auf Lina’s Single Nomade zusammen. Die Collab passt super. Der Song, eine Mischung aus soliden old school Beats und irgendwie könnte man darauf kommen, dass auch er mit Bushido aufgewachsen ist ;). Der Stil seines Rap und Linas‘ Chorus ist unaufgeregt, monoton und kontrastiert trotzdem so gut. Monotone, depressive Vibes stützen das Gefühl, welches die Texte aussagen. Disarstar packt den täglichen inneren Kampf mit sich selbst auf diesen Song. Geht deep… geht in die Blutbahn über und wir fließen mit auf der Melodie…

Als nächstes kamen zwei Tracks aus dem spitzen Album Minus x Minus = Plus (2017), das völlig zurecht in einer Deluxe Edition erschien, mit allen Instrumentals zu jedem Song. Und als ich herausfand, wer an diesen beteiligt war, wurde mir nur noch mehr klar, wieso mich sein Sound berührt. Produced haben u.a. Farhot, SiNCH und Typhoon. Perlen der deutschen Hip-hop-Producer-Welt.

Kapitalismus. Der solide 4/4 Beat hat Herzfrequenz und fühlt sich deshalb gleichmäßig gut an, fast schon vertraut, als würde man genau wissen was kommt. Trotzdem hat er Power. Spannung kommt mit rockigen Elementen und Streicher-loops rein. Kurz: Man kann sich rauffallen lassen und mitlaufen. Der Text reflektiert hart aber fair unser politisches System.

„K-A-P-I-T-A-L-I-S-M-U-S – Komm mir nicht mit Würde, es geht ums Geschäft!“.

Es geht um Kapitalismus-Kritik. Der Titel verrät es schon. Disarstar gliedert sich ganz klar links von Konsum, Neo-Liberalismus und Kapital ein und trägt somit den Hamburger Politgeist seiner Heimat Sankt Pauli weiter. Kapitalismus – Ein nicht enden wollendes Desaster. Diesmal mit gutem Sound.

Bei Wir zwei feat. Credibil ist man auditiv direkt in der Szene. Das Instrumental malt uns ein verregneten grauen Tag in den Kopf. Die dicken, schweren Tropfen fallen in die Pfützen und lassen die bunten Straßenlichter vibrieren. Orientalisch angehauchter Street-hip-hop-Style und Disarstar klingt diesmal härter. Es erinnert mich fast an den Frankfurter Straßen-Rap, mit dem ich aufgewachsen bin. Doch das Thema braucht Härte, denn es geht um die Straße, den Block und die tägliche Aussichtslosigkeit…Nicht nur trist, sondern schwarz… sagt er. Es geht um Loyalität, Leidensgenossen und Liebe zwischen Brüdern, die jeden Tag ihre Runde drehen, und sich dabei doch nur im Kreis drehen. Im Kreis des Alltags im Block, wo die Hoffnung im Träumen lebt.

„Wir sind so klein und haben so große Probleme“

Kosmologie – Kontraste (2015)

Disarstar ist ein denkender Kopf mit Grips, das steht fest. Kosmologie feat. Mohammed Ali Malik aus dem Jahr 2015 klingt ganz anders als der neue Stuff. Er ist eben mehr als das. Seine Poesie in diesem Song sucht seinesgleichen, denn er besticht mit intelligenter Kreativität in seinen Lines und seine cleane Aussprache bringt die Energie in seine Aussagen. Energien sind auch das zentrale Thema in dem Song und damit trifft er, 5 Jahre zuvor, genau den esoterischen Zeitgeist unsere Tage. Unter sphärischen Klängen sucht D. den Sinn seiner und unserer Existenz.

„Wir suchen alle das Gleiche, doch finden tun wir es nicht.“

Er ist überzeugt, wir sind in diesem kosmischen Theaterstück, nur Medien, die Energien in Bewegung bringen. Trotz unserer Blindheit für alle Facetten der Welt, müssen wir die Augen auf machen, um mehr Licht in uns zu lassen. Disarstar plediert für Mehr Erkenntnis und Offenheit für das, was es noch gibt. Nur das bewahrt uns vor blinder Ignoranz, Eifer und Verbissenheit, denn Realität ist relativ und wir sollten die der Anderen mehr verstehen. Die Anfänge von Werkstattbühnen schimmern blass durch den Song, der an guten alten Hip hop erinnert.

„Will nur gutes geben, so gut ich kann“

Kosmologie – Kontraste

Nachdenklich geht es weiter und verdammt ehrlich. Mit dem Song All die Jahre, welcher 2019 schon erschien und jetzt auch auf Dystopia zu hören ist spricht D. zu seinem inneren Kind und arbeitet Ängste und Sorgen seiner Kindheit und Jugend auf, die wenn man genau hinhört nicht so sehr fremd erscheinen. Ein Song der mit nackter Aufrichtigkeit prahlt und soviel Mut schafft. Beim Hören der sanften Gitarrenriffs in hallender, epischer Mischung der Sounds fühlt es sich an, wie ein langer Traum, in dem uns eine Stimme aus der Zukunft spricht. Eine Stimme, die mehr weiß als jetzt.

Jeder Tag ist ein neuer Anfang. Halte durch und hab Vertrauen. Gib niemals auf.

Das sind die Messages an den kleinen Jungen. In uns allen.

Seine Themen berühren mich und ich habe das Gefühl mich wiederzufinden in dieser Einstellung zum Leben und seinen Visionen. Auf jeden Fall treibe ich auf seinem Flow und die Sounds gehen durch meine Haut.

Zuletzt kommen Tracks, die gleichermaßen gesellschaftskritisch, wie antifaschistisch sind und einen sinnvollen Gegenpol zu den herkömmlichen ‚Carlo Cokxxx Nutten‘ – Deutschrap-Themen bieten. Disarstar bringt 2017 Politik zurück auf die Karte, als AFD und Pegida anfangen Deutschland heimzusuchen.

Für dich ist eine Kampfansage an den rechten Mittelstand und rechtes Gedankengut in Großstädten.

Wieder rappt D. in hartem Ton um Liebe und Hass in dieser Welt. Gerade jetzt kann nicht oft genug betont werden, wie Fremdenhass der Gesellschaft schadet und sie vergiftet. Disarstar ist Großstadtjunge, bezeichnet sich als Kosmopolit, Empath und Diplomat. In dem Song geht es darum, wie sehr sein Leben von Interkulturalität geprägt ist und noch jung andere Sitten und Bräuche in seinen Alttag gehörten.

Für dich gibt’s kein Platz hier! Jetzt geht’s raus auf die Straße ich lass dich mein‘ Hass spür’n! Diese Stadt ist zu klein für uns Zwei! Hamburg, Berlin, München, Frankfurt am Main!

Für dich – Minus x Minus = Plus (2017)

Es bleibt nur Hohn für ignorantes Gehabe und die Ansage bleibt, wie schon einst Kant sagte: Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Doch das ist die größte Schwäche des weißen Faschisten. Er denkt schwarz und weiß, denn es ist so leicht und so anstrengend sich selbst zu reflektieren.

Ich bin Antifaschist antwortet Disarstar und zeichnet ein treffendes Bild des AFD – Wählers, der ohne darüber nachzudenken unsere bunte und vielfältige Demokratie anzündet.

„Projiziere deinen Selbsthass nicht auf Andere du Nichtsnutz – mein Blick auf die Welt ist bestimmt von Respekt, aber sehe ich nach rechts sehe ich nichts als Dreck!“

Für dich – Minus x Minus = Plus

Die AFD ist ein beliebtes Ziel in Disarstars Texten. In Alice im Wunderland bekommt Alice Weidel ihr Fett weg. Der energische Rock-Hip hop- Song macht der (H)Wutmacherin, dem kleinen, dummen, rassistischem Mädchen Feuer unterm A****!!!

Disarstar ist für mich eine wichtige Stimme, nicht nur in der aktuellen Zeit, aber gerade jetzt! Da, wo deutscher Gangsta-Rap scheinbar nur Sujets wie Geld, Macht und Drogen thematisiert (siehe Beitrag: Spiegelmagazin: Rappers Wortschatz), vertritt Disarstar Morale und Werte, die zu einem offeneren, friedlicheren und selbstreflektierten Zusammenleben führen, können. Aus der Liebe zum linken Sankt Pauli und seiner politischen Einstellung macht er keinen Hehl, wie er auch u.a. in dem Bonustrack Tor zur Welt preisgibt, als Hommage an sein Heimatviertel. Ein echter Hamburger Jung mit dem Hamburger Herz am richtigen Fleck und dorthin gehören weder Rassismus noch Engstirnigkeit, wie die heutigen Landtagswahlen hoffentlich belegen werden. Die Musik von Disarstar gibt Anstoß zum Denken und in sich hineinhorchen, aber auch zum Entschleunigen und die Welt mit kritischem Blick beäugen. Demontage aus 2014 ist der Song dazu, der wieder zeigt, dass er dem Trend weit voraus liegt. Verlangsamter Beat und Gesang machen es vor:

„Lass uns anfangen das Getriebe der Maschine zu verlangsamen.“

Demontage – Tausend in Einem (2014)

Musikalisch und Instrumental überzeugen seine Beats und sind für mich definitiv oberes Niveau. Disarstar hat seinen eigenen Sound und bleibt sich über die Jahre treu. Keine Frankreich-Kopien oder seichte Reggeaton- Rhythmik. Kein Audiotune. Hip hop mit Qualität und das mag ich.

Trotzdem kann er verschiedene Styles. Elektro-Hip hop-Swing bis Dub- Elemente in Capitis Deminutio Maxima oder Glücksrad und auch hier ist er 100 Pro eins mit dem Instrumental. Der Meister der Worte hinterfragt gekonnt unser Hamsterrad und den Begriff Nationalität.

ER hat diesen unangestrengten Flow und diese kraftvolle Stimme.

Gib mir Beat, Stift, und n‘ Blatt lass mal Mucke machen … Das reicht bei diesem Herrn!

Chapeau – twentysomethings.

PS: Mein derzeitiger Fav‘ : Bewegungsdrang

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